Einige Einblicke in das Kulturleben in Weitra in Vergangenheit und Gegenwart

Das Schulwesen hat in Weitra eine langjährige Tradition: Schon für das 13. Jahrhundert ist für die Stadt ein Lehrbetrieb nachgewiesen: 1280 wird ein „Ioannes scolasticus“ (Schulmeister Johannes) genannt. 1358 ist in einer Urkunde des Pfarrarchivs von einem „Schulmeister“ die Rede, 1384 wird ein Stephanus Iohannes von Weitra als „rector scolarum“ tituliert. Neben der Unterrichtstätigkeit war der Schulmeister im Mittelalter bis weit in die Neuzeit hinein für den Kirchendienst verantwortlich: Allein oder gemeinsam mit Sängerknaben wirkte er musikalisch bei den Gottesdiensten mit.

 

Das Stadtarchiv besitzt u.a. 12 Pergamentdoppelblätter (ca. 265 cm x 370 cm) und damit 48 Seiten eines Graduale aus dem 12. Jahrhundert mit mittelalterlichen liturgischen Gesängen. Die Texte sind von einer Hand in Minuskelschrift verfasst, die großen Initialen für die Hochfeste sind besonders schön  ausgeführt. Über den Texten finden sich Neumenzeichen (mittelalterliche Noten). Die Blätter, die vermutlich aus dem Salzburger Raum stammen, wurden im späten 16. und beginnenden 17. Jahrhundert als Einbände für Amtsrechnungen verwendet, in jüngerer Zeit wurden sie sachgemäß abgelöst und 2002 wieder zu einem Codex („Graduale Witracense“) zusammengebunden. 

 

Die Bedeutung des Weitraer Schulwesens im Mittelalter wird auch durch die Tatsache unterstrichen, dass schon im 15. Jahrhundert einige Weitraer an der Universität Wien immatrikuliert waren und dort studierten. Magister Andreas von Weitra wirkte als Professor an der Universität Wien und war in den Jahren 1432 bis 1439 sogar deren Rektor. In dieser Funktion vertrat er die Wiener Hohe Schule am Konzil von Basel und war an den dortigen Verhandlungen maßgeblich beteiligt. 1436 ernannte ihn das Konzil zum Visitator für Österreich.Manche Weitraer Handwerker brachten es zu beachtlichen Leistungen: Im späten 17. und im 18. Jahrhundert war die Tischlerfamilie Treyer (Dreyer) hier ansässig. Ihr bedeutendster Vertreter, Balthasar Treyer (1643 – 1703), schnitzte u.a. 1692 bis 1694 den mächtigen Hochaltar der Kirche von St. Wolfgang bei Weitra.

 

1755 bis 1794 wirkte als Schullehrer und Organist Johann Michael Pranzer. Dieser war zuvor Organist und Chorregent in Maria Taferl gewesen. In seine Weitraer Zeit fallen die tiefgreifenden Reformen des Schulwesens unter Maria Theresia. Pranzer bemühte sich sehr um die Einführung der damals modernen „Normallehrart“ und hielt sich aus diesem Grunde 1774 in der nahen Stadt Gratzen (Nové Hrady) in Böhmen auf, um in der von den Serviten geführten Pfarr – und Stadtschule die zeitgemäßen Unterrichtsmethoden kennen zu lernen. Pranzer war auch als Komponist tätig. Zu einer Pastorella „Wacht auf, ihr frommen Hirten“ von Ignaz Holzbauer fügte er  die Hornstimmen hinzu (ed. Diletto musicale Nr. 590, Doblinger Wien – München 1970).

 

Leopold Föderl (1748 – 1817) war 1785 bis 1804  Pfarrer in Weitra. 1772 zum Priester geweiht war er 1775 Professor am akademischen Gymnasium in Wien geworden, anschließend Professor der Dichtkunst an der Wiener Universität. Unter Pfarrer Föderl wurde der Pfarrhof in Weitra neu gebaut. Er hielt Reden und verfasste patriotische Gedichte, einiges wurde gedruckt („Rede nach einem fürchterlichen, über die Stadt Weitra am 4. Mai 1790 ausgebrochenen Donnerwetter“; „Rede bei der Gedächtnißfeier der allgemeinen Landesbewaffnung am 17. April 1798“; „Gott! gib unseren Waffen Siege, Friede dann dem Vaterlande“, ein Kriegslied 1799; „Weihgedicht zum Namenstage des Pfarrers Anton Korb zu Harbach und Subseniors des Weitraer Dekanates“, 1799). Leopold Föderl war mit dem Staatsbeamten Ignaz Castelli bekannt und vermittelte nach dessen Pensionierung seine Übersiedlung nach Weitra: er zog in das sogenannte Castellihaus (Kirchenplatz 117), das 1787 durch einen Umbau des ehemaligen Karners zu einem stattlichen Wohnhaus adaptiert worden war.

 

Ignaz Franz Castelli

Auch sein Sohn Ignaz Franz Castelli (1781 – 1862), der später als Wiener Lustspieldichter bekannt wurde, hielt sich als Student oft in Weitra auf. In seinen Memoiren (Memoiren meines Lebens, 4 Bände, Wien - Prag 1861) setzte er u.a. seinem Förderer, Pfarrer Leopold Föderl, ein Denkmal und übermittelte ein anschauliches Bild vom Leben in der Stadt Weitra in der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert. Von seinem umfangreichen literarischen Werk seien angeführt: „Mühle am Ardennenfelsen“, ein Schauspiel nach dem französischen Melodram „Carline“ von Pirérécourt; es wurde 1800 am Theater an der Wien aufgeführt. 1809 brachte er mehrere Wehrmanns – und Kriegslieder heraus, darunter das „Kriegslied für die österreichische Armee“. 1811 – 1814 wirkte Ignaz Franz Castelli als Hoftheaterdichter am Theater nächst dem Kärntnertor.

Er schrieb Singspiele (z.B. 1810 „Die Schweizerfamilie“), romantisch-historische Dramen (z.B. 1816 „Der Hund des Aubri) und verfasste zahlreiche Dramenübersetzungen. Von 1816 bis 1831 erschienen in Wien unter dem Titel „Dramatisches Sträußchen“ 19 Bände mit Theaterstücken. Vor allem veröffentlichte Castelli hier seine Überarbeitungen französischer Lustspiele, aber auch eigene Stücke.      1825 – 1832 erschienen unter dem Titel „Bären“ 12 Hefte einer Sammlung Wiener Anekdoten,  1828 „Gedichte in niederösterreichischer Mundart“.  1835 wurden in Berlin 6 Bände mit Gedichten von Castelli herausgebracht. 1844/45 wurden in Wien bei Pichler in 15 Bänden „Sämtliche Werke von Ignaz Franz Castelli“ herausgebracht; die Bände 1 – 4 bringen seine Gedichte, 5 – 9 Erzählungen, 10 Wiener Lebensbilder, 11 Gedichte in niederösterreichischer Mundart, 12 – 13 Theater, 14 – 15 vermischte Schriften.

Ignaz Franz Castelli war ein sehr mitfühlender und gütiger Mensch. So gründete er 1946 den „Wiener Tieschutzverein“. 

     

Carl Rießner (1799 – 1854) war Schulleiter, Mesner, Organist und Chorregent und schrieb viele Noten von Messkompositionen und anderen kirchenmusikalischen Werken ab. Einen beachtlichen Teil davon brachte er auch in der Pfarrkirche von Weitra zur Aufführung. Die imponierende Musikaliensammlung ist im Pfarrarchiv erhalten. Als Lehrer bemühte sich Rießner darüber hinaus, die Schuljugend in der Veredelung und Pflege von Obstbäumen zu unterweisen.

 

 

Viktor Fuchs

Viktor Fuchs wurde 1889 in Weitra geboren. Als Musikpädagoge wirkte er viele Jahre in Wien und entwickelte hier beachtliche musikalische Aktivitäten. Nachdem seine Wohnung in der Köblgasse im dritten Wiener Gemeindebezirk ausgebombt worden war kehrte er nach Weitra zurück. Er leitete als Regens – Chori den Kirchenchor, erteilte Musikunterricht und gründete ein Streichquartett (1. Violine: Viktor Fuchs, 2. Violine Dr. Franz Ottawa, Viola: Karl Seitz, Violoncello: Hermann Katzenschlager). Viktor Fuchs starb aber schon 1949.  Sein musikalischer Nachlass (umfangreiches Notenmaterial u.a.) befindet sich im Stadtarchiv.

 

 

 

 

Franz Leo Human
Karoline Human

Franz Leo Human (1894 – 1957) stammte aus Wien Simmering, wurde Lehrer und wirkte lange Zeit als Leiter des Simmeringer Männergesangsvereines und  als Musikpädagoge an der Lehrerbildungsanstalt in Wien Hegelgasse. 1944 wurde er zum Militärdienst einberufen. Nachdem die Wiener Wohnung in den Kriegswirren zerstört worden war, kam seine Gattin Karoline Human nach Weitra und wurde hier als Lehrerin angestellt. Nach der Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft kam auch Franz Leo Human nach Weitra und entwickelte hier eine rege musikalische Tätigkeit: Er leitete einen Kinderchor, war als Regens Chori und Organist tätig und gründete 1949 mit seiner Gattin Karoline im Rahmen des Musikvereines die Musikschule der Stadt Weitra. Für seinen Kinderchor komponierte Franz Leo Human die Kinderoper „Die Stadt“ (op. 77) und brachte sie 1948 im Weitraer Schlosstheater zur Uraufführung. Human hinterließ ein umfangreiches kompositorisches Oeuvre, u. a. Den Frauenchor „Mutter, wie schön bist du“ (uraufgeführt am 30. 5. 1945 in Hall in Tirol), den Chor „Heimat“ (op. 79)  die Weitraer moments musicaux“ (op. 86)  und den  Kuenringer – Marsch (op. 100), sein letztes Werk.

 

Folgende Drucke seiner Werke konnten bislang eruiert werden: Um 1930 verfasste er gemeinsam mit Viktor Korda die Hefte „Singende Jugend. Eine Sammlung von Volksliedern in polyphoner Bearbeitung, zum Teil mit Verwendung von Melodie-Instrumenten, herausgegeben vom Österreichischen Arbeiter-Sängerbund“.

 

Beim Verlag Adolf Robitschek in Wien I sind erschienen:  „Schweigendes Tun“ , „Lied der Frauen“ (op. 25), „Abendmusik, kleine Chorkantate mit Instrumenten nach volkstümlichen Liedern und Volksliedern für gemischten Chor mit Klavierbegleitung, Violine, Viola, Cello, Klar. in B und Horn in F“ (op. 71), der Chorsatz „O du schiane süaßi Nachtigall“ (op. 76/3, 1950), „Kleine Geschichte“ nach Christian Morgenstern für fünf gemischte Stimmen a cappella (op. 81) und der Volksliedsatz „Es war amal an Abend spät“ (op. 89/1).

 

 

Wilhelm Szabo
Wilhelm Szabo mit Gattin Valerie

Wilhelm Szabo (1901 – 1986) wurde in Wien – Alservorstadt geboren und kam schon im zweiten Lebensjahr in das Waldviertel nach Lichtenau, wo er bei kleinbäuerlichen Zieheltern aufwuchs. Nach einer kurzen Zeit der Ausbildung zum Kellnerjungen und Tischlerlehrling absolvierte er von 1916 bis 1921 das Landes-Lehrerseminar in St. Pölten. Als Volksschullehrer wirkte er sodann in Siebenlinden und Unserfrau, als Hauptschullehrer in Gmünd und Weitra. 1937 heiratete er Valerie Lorenz. 1939 wurde er aus politischen Gründen aus dem Schuldienst entlassen. Bis 1945 war er als Lektor eines Verlages in München bzw. als Arbeiter im Stift Zwettl tätig. 1945 wurde er Direktor der Volks- und Hauptschule in Weitra. Nach seiner Pensionierung im Jahre 1966 zog er nach Wien -  Döbling. Hier war er als Gründer die Literaturkreises „Podium“ bis zu seinem Tod am 14. Juni 1986 im Interesse der Literatur, der Sprache und des Wortes tätig. Wilhelm Szabo war einer der bedeutendsten österreichischen Lyriker des 20. Jahrhunderts. 1954 wurde ihm der Georg – Trakl – Preis für Lyrik verliehen, 1957 ein Förderungspreis der Körner – Stiftung, 1961 der Kulturpreis des Landes Niederösterreich, 1962 der Würdigungspreis der Stadt Wien für Dichtkunst.

Folgende Werke sind von ihm erschienen:

„Verklärte Stunden“, Gedichte 1922; „Das fremde Dorf“, Gedichte, Wien 1933; „Im Dunkel der Dörfer“, Gedichte, München 1940; „Das Unbefehligte“ Gedichte, München 1947;  „Herz in der Kelter“, Gedichte, Salzburg 1954; „Der große Schelm“, Übertragungen und Einleitung von Liedern Neidharts von Reuental, Graz – Wien 1960; „Landnacht“, Gedichte, Wien – München 1965; „Schnee der vergangenen Winter“, Graz – Wien 1966; Trauer der Felder“, Nachdichtungen von Gedichten Sergej Jessenins, Bad Goisern 1970; „Schallgrenze“, Gedichte, Wien 1974; Lob des Dunkels, Gedichte 1930 – 1980“, St. Pölten – Wien 1981; „Im Zwielicht der Kindheit“, Prosa, St. Pölten Wien 1986.   

2001, anlässlich des hundertsten Geburtstages von Wilhelm Szabo kamen bei der Bibliothek der Provinz zwei Bände heraus: „Dorn im Himbeerschlag- Zwielicht der Kindheit“, Prosa, sowie „Und schwärzer schatten die Wälder“, Gedichte.

 

 

Viele Jahre prägte der Hauptschullehrer bzw. Hauptschuldirektor Hermann Katzenschlager (1911-1975) das musikalische Leben in Weitra: Er wirkte als Organist, Regens- Chori des Kirchenchores, Chorleiter des Männergesangsvereines (1953-1965) bzw. des gemischten Chores des Musikvereines (1958 – 1975) und Leiter der Musikschule (1961 – 1975). Er verfasste auch einige Kompositionen bzw. Chorsätze für seine Klangkörper. 

 

Alfred Faulhammer jun. (1930 – 1990) war ebenfalls Hauptschullehrer bzw. Hauptschuldirektor und leitete längere Zeit als Kapellmeister die Stadtkapelle.  Von 1975 bis 1985 war er Leiterder Musikschule. Unter seinen Kompositionen sei die 1983 komponierte Kinderoper „Die Alte“ oder „Der grüne Stein“ nach Gebrüder Grimms Märchen „Gänsehirtin am Brunnen“ erwähnt. Sie wurde 1984 unter seiner Leitung von heimischen Kräften im Schlosstheater aufgeführt. 

 

Kirchenmusikalische Aktivitäten reichen in Weitra bis in das Mittelalter zurück. Heute pflegt der Kirchenchor dieses große, aus Jahrhunderten überkommene Erbe. Als Organistin wirkt Eva Meyer, als Chorleiterin Mag. Elisabeth Meyer.

 

Der Musikverein der Stadt Weitra wurde 1883 als Männergesangsverein gegründet, 1949 neu gegründet und 1973 mit dem Männergesangsverein vereinigt. Vorstand ist seit 2010 MR Dr. Wolfgang Fuchs, Chorleiterin seit 1989 Pölzl Theresia, Ehrenpräsident SR Werner Himmer.

 

Auch die Stadtkapelle geht auf den Musikverein zurück, sie wurde 1904 bzw. 1924 neu gegründet. Vorstand der Stadtkapelle ist derzeit Karl Stütz, Kapellmeisterin Martina Bauer.

 

Franz Leo Human und Karoline Human gründeten 1949 im Rahmen des Musikvereines die Musikschule. Auf der Basis eines neuen Landesgesetzes übernahm 1990 die Stadtgemeinde Weitra die Musikschule als „Musikschule der Stadt Weitra“. Heidi Brunner wurde als Leiterin angestellt. 2001 trat die Musikschule Weitra dem neu gebildeten  „Musikschulverband Oberes Waldviertel“ bei, dem außerdem noch die Musikschulen Gmünd, Schrems, Hoheneich, Brand Nagelberg und Kirchberg am Walde angehören.

 

1995 bildete sich der "Theaterverein Bühne Weitra". Seitdem bringt er alljährlich Stücke, vor allem zeitgenössischer Autoren, zur Aufführung. Die Palette reicht von Komödien bis zu ernsten, anspruchsvollen Stücken. Als Obmann fungiert Egon Haumer.

Dr. Wolfgang Katzenschlager

Weitra stimmt die Heiter